„Zweite Heimat“

(v.l.): Kathrin Leithner, „Beinahe-Gewinnerin“ im Bereich Literatur, und Juan Carlos Arancibia, Preisträger des Förderpreises „Junge Kunst 2010“.

„Dunkles Brot“ und „Ruhe“ gehören für Kathrin Leithner und Juan Carlos Arancibia in Detmold zum Wohlfühlen dazu. Die beiden jungen Künstler haben dort eine „zweite Heimat“ gefunden. Der Preisträger des Förderpreises „Junge Kunst 2010“ und die „Beinahe-Gewinnerin“ im Bereich Literatur berichten, was ihnen in ihrer zweiten Heimat besonders gefällt, was sie bewegt und wie die Volksbank-Stiftung sinnvoll stiftete …

Frau Leithner, Sie haben an der Musikhochschule in Detmold Flöte studiert, sich beim
Förderpreis „Junge Kunst“ der Volksbank aber in der Sparte Literatur beworben. Warum
und seit wann schreiben Sie Gedichte?

Kathrin Leithner: Als Kind habe ich mich damit erfolgreich vor dem Geschenkebasteln gedrückt.
Heute ist es mir ein Bedürfnis, Dinge, die mich bewegen, in eine für mich ästhetisch befriedigende
Form zu bringen. Besonders, wenn ich traurig oder ängstlich bin, ist das so eine Art „Katharsis“.
Wenn ich glücklich bin, habe ich viel weniger das Bedürfnis zu schreiben. Aber ich versuche, dies
zu ändern, denn immer nur traurige Gedichte zu schreiben, macht schließlich auch keinen Spaß.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Kathrin Leithner: Dunkles Brot, Lieder von Paul Gerhardt und Matthias Claudius, das Weihnachtsoratorium, Krokusse im Frühling, Goethe-Gedichte, in einem Konzertsaal sitzen, Herbst-Gedichte (Rilke, Strabo, Hölderlin).

Herr Arancibia, Sie haben im letzten Jahr einen der vier Preise „Junge Kunst“ als bester
internationaler Künstler gewonnen. Wo ist Ihre Heimat und was bedeutet Heimat für Sie?

Juan Carlos Arancibia: Immer noch in Peru. Heimat ist für mich der Ort, an dem man die besonderen
„ersten Male“ hatte. Ich meine zum Beispiel: erste Schule, erste Liebe, erste Arbeit usw. In Deutschland fangen diese „ersten Male“ gerade zu geschehen an. Deutschland ist dabei, meine
zweite Heimat zu werden.

Frau Leithner, Sie sind in Filderstadt geboren und in Braunschweig aufgewachsen. Studiert haben Sie in Hamburg, Amsterdam und nun in Detmold. Was schätzen Sie an Detmold?

Kathrin Leithner: Die Markt- und die Flohmarkttage und dass man so stolz auf die Musikhochschule
ist. Luxus & Lebensqualität pur ist, dass man von A nach B immer nur fünf Minuten braucht.

Herr Arancibia, seit 2006 studieren Sie in Detmold. Worin unterscheidet sich das Leben
hier von dem in Peru?

Juan Carlos Arancibia: Man könnte eine große Liste von Unterschieden zwischen Deutschland
und Peru machen. Ich glaube aber, dass die Freude und Lockerheit der Leute die größten Unterschiede sind. Und das Wetter spielt komischerweise eine Rolle. Wenn die Sonne scheint, werden alle fröhlicher und lockerer. Wenn es kalt ist, werden die Menschen auch kälter, aber man kann bei den Temperaturen besser arbeiten.

Frau Leithner, Schreiben ist für Sie ein persönlicher Ausdruck und ein inneres Bedürfnis.
Wie und wo entstehen Ihre Gedichte?

Kathrin Leithner: Der Anfangsgedanke kann überall entstehen – gut sind allerdings Bewegung
und Natur, also beim Joggen, auf dem Fahrrad oder aber auch im Zug. Ausgearbeitet wird dann
zu Hause, in Ruhe, am Computer. Dies normalerweise innerhalb der nächsten zwei Tage. Nach
dem Aufwachen oder vor dem Einschlafen sind gute Zeitpunkte für das Ausarbeiten, da bin ich am
kreativsten.

Bezeichnen Sie sich selbst als Dichterin?

Kathrin Leithner: Nein, aber wenn andere es tun, bin ich geschmeichelt :-)

Wie sieht das Bild einer modernen Dichterin aus? Was ist Ihr Anliegen?

Kathrin Leithner: Auf das aktuelle gesellschaftliche Leben eingehen. Für mich persönlich passen
Politik im engeren Sinne und Poesie (noch) nicht so gut zusammen; stattdessen mag ich es, englische Wörter in meine Texte mit einzubeziehen – was ja in der Werbung und bei Filmtiteln zum
Beispiel mittlerweile auch stark zum Ausdruck des aktuellen Lebensgefühls beiträgt. Mein Anliegen
ist aber tatsächlich noch sehr persönlich beziehungsweise introvertiert, ich sehe mich nicht als Missionarin oder so und habe auch in dem Sinne keine „message“ zu verkünden.

Herr Arancibia, in Ihren Beurteilungen steht, dass die Kraft der leisen Töne, die Präzision
und das südamerikanische Feuer Ihr Gitarrenspiel auszeichnen. Was lieben Sie am
Gitarrenspiel?

Juan Carlos Arancibia: Ich würde eher sagen, dass ich das Musizieren liebe, Kunst zu machen,
etwas damit auszudrücken und in die Herzen der Menschen zu gelangen, egal wie. Die Gitarre ist
das Instrument, mit dem ich es am besten schaffe. Daher liebe ich die Gitarre, aber sie zu spielen ...
das ist schwer.

Frau Leithner, wie kommen Ihre Gedichte an die Öffentlichkeit? Nutzen Sie dafür auch
das Internet, und wenn ja, welche Foren?

Kathrin Leithner: Ich habe bis jetzt ein Gedicht veröffentlicht, das lief über einen Wettbewerb
und wurde in einer Anthologie und unter www.gedichte-bibliothek.de veröffentlicht.

Was wollen Sie beide nach dem Studium machen?

Kathrin Leithner: Musik und Schreiben irgendwie unter einen Hut kriegen, das heißt unterrichten,
Kammermusik/Orchester. Ich würde gern einmal ein Kinderbuch veröffentlichen und natürlich
Gedichte. Freiberuflich sehe ich mich nicht. Reich werden war zum Glück noch nie mein Ziel, aber
das Geld sollte auch keine Sorge sein.

Juan Carlos Arancibia: Genau dasselbe wie jetzt: Unterrichten, musizieren und lernen. Vielleicht
eine Familie gründen.