Macht Musik glücklich, Herr Stubenvoll?

Weltmusiker aus Detmold (v. l.): Ruven Ruppik aus Rheda-Wiedenbrück (Trommel), Neiko Bodurov aus Bulgarien (Trompete), Asli Dogan aus der Türkei (Violine), Lachezara Valchanova aus Bulgarien (Kontrabass) und Florian Stubenvoll aus Berlebeck (Klarinette).

2008 hat die Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold ihren Wettbewerb „Junge Kunst“ neu ausgerichtet. Je ein Förderpreis ging an junge Künstler in den Kreisen Paderborn, Höxter und Lippe. Darüber hinaus vergab die Volksbank einen Sonderpreis an internationale Künstler, die im Geschäftsgebiet leben. Die Gewinner: das Ensemble „Vinorosso“ aus Detmold.

Krise? Darüber macht sich Florian Stubenvoll keine Gedanken. „Als Musiker kann ich mich notfalls an die Straße stellen. Irgendwie bekomme ich die Miete und das Nötige zum Leben zusammen.“ Die Unabhängigkeit vom Materiellen, das pure Glück? Stubenvoll hat seine Musik. Bewusst entschied sich der Wahl-Berlebecker nach seinem Studium an der Hochschule für Musik in Detmold gegen eine
Festanstellung bei einem Berufsorchester. Dabei hatte der heute 35-Jährige die besten Voraussetzungen. Stubenvoll, der Klarinette studiert hat, war unter anderem Stipendiat beim Deutschen Musikwettbewerb und Mitglied im „European Union Youth Orchestra“. Als Solist spielte er mit zahlreichen namhaften Orchestern zusammen. An der Hochschule für Musik Detmold schloss er 2003 sein Konzertexamen „mit Auszeichnung“ ab. Doch Stubenvoll wollte „eher neue Sachen ausprobieren“, die Freiheit des Künstlers und Zeit für sein Ensemble Vinorosso, das er 2004 in Detmold gründete.

Die Globalisierung der Musik

Vinorosso – das sind gut 25 Musiker aus aller Herren Länder, zum Beispiel aus Bulgarien, Chile, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Japan, Mazedonien, der Schweiz, Spanien und der Türkei, die sich als eine internationale musikalische Einheit präsentieren. Ihren gemeinsamen Ursprung haben sie in der Detmolder Musikhochschule. „Globalisierung geht an der Musik nicht vorbei“, sagt Stubenvoll. Weltmusik unterschiedlicher Kulturen und Gegenden mit klassischer abendländischer Musik in verschiedenen Besetzungen harmonisch zusammenklingen lassen, formuliert er den Anspruch seines kleinen Orchesters. Wenn Vinorosso spielt, mischen sich Klassik, Barock und Romantik mit osteuropäischer Volksmusik, vereinen sich Klezmer, die Musik der osteuropäischen Juden, traditionelle serbische und bulgarische Melodien, Musik der Sinti und Roma und jene der Muslimen. Die Perfektion des Zusammenspiels ist in Stubenvolls Augen der Beweis dafür, dass die ethnischen Konflikte auf dem Balkan „nur im Kopf stattfinden“. „Schauen Sie genauer hin, auch wenn sich die Menschen gegenseitig bekämpfen, sie hören ähnliche Musik.“ Stubenvoll hat es selbst auf Konzertreisen in die Balkanländer erlebt.

„Töne verbinden sich und ziehen weiter“

„Musik baut als Universalsprache Brücken zwischen den Völkern dieser Erde“, sagt Stubenvoll. „Vinorosso möchte zeigen, dass zwischen einzelnen Musikrichtungen oftmals keine strikten Grenzen
oder Unterschiede bestehen – vielmehr gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten, fließende Übergänge.“ „Musik sei eine lebendige Energie“, meint er. „Ihre Töne verbinden sich und ziehen wieder weiter, wie auch die Völker dieser Erde wandern, sich vermischen und weiterentwickeln.“

„Transylvanian Joc“ und „Vranje“

Wo Musik unterschiedlicher Kulturen zueinanderfindet, entstehen abwechslungsreiche Konzertprogramme im Automatismus. Zum Instrumentarium Vinorossos gehören „klassische“ Instrumente wie Klavier, Violine, Violoncello, Trompete, Posaune, Querflöte, Englischhorn, Klarinette und Trommel, aber auch Folkloreinstrumente wie Baglama, Akkordeon, Gurnata, Okarina, Darbouka, Tupan, Cajón, Zil oder Udu. Stubenvoll selbst entführt die Zuhörer mit seinen Klarinettenklängen auf den Balkan. Das Repertoire Vinorossos enthält Stücke mit Namen wie „Transylvanian Joc“, ein virtuoser Tanz aus Transsylvanien, „Üsküdara Gideriken“, eine Melodie aus Istanbul, „Voskeade“, ein Tanz aus Armenien, oder „Vranje“, ein serbischer Tanz. Das Spiel des Ensembles wird von den Kritikern als „gekonnt, locker und lebendig“ beschrieben. Es überzeuge mit einer „eigenen Klangsprache der Identitäten, die in ihrer bestechenden, feurigen Energie, Vitalität, aber auch Melancholie mitreißt und verbindet“.

Musikalische Mutmacher

Vinorosso hat sich zum Ziel gesetzt, mit seinem „neuartigen“ Konzept Anhänger verschiedener Musikrichtungen gemeinsam in Konzerte zu locken. Dies scheint dem Ensemble zu gelingen.  Beifallsstürme sind den jungen Musikern schon längst nicht mehr fremd. Vinorosso tritt beispielsweise bei Abendkonzerten, Matineen, Kinderkonzerten, open-air-Veranstaltungen, politischen und völkerverbindenden Veranstaltungen, Geburtstags- und Jubiläumsfeiern, Empfängen sowie bei verschiedenen Festivals auf. „Am Anfang war es nicht einfach“, blickt Stubenvoll zurück. Die ersten Konzerte habe Vinorosso umsonst gespielt. „Wir haben trotzdem weitergemacht“, sagt er. Nach und nach folgten Konzerte auch auf Bühnen außerhalb Ostwestfalen-Lippes. 2009 geht Vinorosso seinen Weg erfolgreich weiter. Zu viel will Stubenvoll noch nicht verraten. Aber gut, dass er und sein Ensemble nicht zu früh aufgegeben haben. Musik macht auch in der Krise glücklich.