Vom Reiz des Verfalls

Überzeugte in der Kategorie „Fotografie“: Angelina Mertens

„Take nothing but pictures. Leave nothing but footprints“ – so lautet der Codex der Urban-Explorer-Szene. Eine von ihnen ist Angelina Mertens, Gewinnerin des Förderpreises „Junge Kunst“ 2014 in der Kategorie „Fotografie“.

Sie erkunden verlassene Einrichtungen und Häuser und dokumentieren den natürlichen oder unnatürlichen Verfall. „Urban Explorer“ wie Angelina Mertens halten die Brüchigkeit in ihren Fotografien fest, drehen Videos darüber oder schreiben Geschichtstexte. Obgleich erst 16 Jahre jung, streift Angelina schon länger durch alte Abrisshäuser und hält fest, was kurz vor der Vernichtung steht. „Ich möchte mit meinen Bildern Geschichten aus einer vergangenen Zeit erzählen, Erinnerungen wach werden lassen und den Betrachter dazu anregen, sich seine eigene Geschichte auszumalen“, bringt sie ihre Absichten auf den Punkt. Ganz bewusst versucht sie, in  ihren Fotografien Emotionen zu transportieren. „Meine Eindrücke sollen den Betrachter fesseln, faszinieren und zum Denken anregen“, erklärt die junge Frau.

Fotografie ist seit einigen Jahren Angelinas Leidenschaft. Für Graffitis, die im abblätternden Raumambiente ein Zeugnis früherer Jugendkultur liefern, hat sie ein spezielles Faible entwickelt. Dabei geht sie weit über das bloße Abfotografieren einstiger Wandgestaltungen hinaus. „Was bei Angelina Mertens beeindruckt, ist ihr  räumliches Sehen, ihr ästhetisches Raumgefühl an sich, ihr Spiel mit dem  ungewöhnlichen Ambiente einer zerfallenden Welt sowie der Balanceakt zwischen den Zeiten“, heißt es in der Laudatio der Jury des Förderpreises „Junge Kunst“. „Mit ihren Bildern verbindet sie die Vergangenheit und den Fortschritt in einer ganz  eigenen Art und Weise und eröffnet damit dem Betrachter neue Perspektiven.“

Angefangen hat alles damit, dass Angelina von ihrer Mutter eine Digitalkamera geschenkt bekam. Bei ihren Wochenendausflügen machte die Familie viele Städtetouren und besichtigte alte Schlösser und Burgen. Um die Aufnahmen zu verbessern, erhielt das Mädchen schließlich eine Spiegelreflexkamera. Sie fotografierte damit unzählige leerstehende und verfallene Objekte und lernte dabei den Blick für das Besondere.

„Alte Gebäude erzählen immer eine Geschichte. Es ist wie bei einer Schatzsuche. Was wird man entdecken? Was wird man wahrnehmen? Man fühlt sich, als ob einem eine alte Frau an einem kalten Wintertag vor dem Kaminfeuer Geschichten aus der Vergangenheit erzählt. Schöne, traurige oder auch gruselige Geschichten“, erklärt Angelina. „Zum Teil hat man den Eindruck, die Eigentümer hätten ihr zu Hause fluchtartig verlassen, da die Gebäude noch eingerichtet sind. Im Gegensatz dazu signalisieren dann aber eine dicke Staubschicht, Spinnenweben oder Vogelnester die Zeichen des Verlassenen.“

Angelina Mertens hat noch viele Fragen, die sie für sich künstlerisch, schulisch und privat in den nächsten Jahren klären wird. Zurzeit besucht sie das Internat Morgenberg im thüringischen Walschleben. Dort will sie ihren Realschulabschluss machen. Für die Zeit nach der Schule hat sie noch keine genauen Pläne. Fest steht für sie nur, dass sie im Bereich der Fotografie arbeiten und vielleicht auch irgendwann  einmal ein eigenes Fotostudio haben möchte.

Durch den Förderpreis „Junge Kunst“ ist Angelina in der komfortablen Lage, ihr Talent noch weiter zu vervollkommnen. „Ich möchte mich weiter an der Kamera  ausprobieren, viele neue Objekte anfahren und dieses Jahr noch einige Fotoseminare besuchen“, sagt sie. Dafür hat sie sich bereits eine neue Spiegelreflexkamera gekauft.

Dass ihre Kunst manchen Menschen noch zu skurril erscheint, entmutigt die Schülerin nicht. „Fortschritt ist für mich das Wagen von Neuem, ohne das Alte aus den Augen zu verlieren. Beim Fotografieren bedeutet das aber beispielsweise auch, alte Muster zu verlassen und auch mal etwas Neues zu probieren und zu bewegen. Ich habe den Eindruck, dass viele noch nicht offen sind für meine Beiträge“, gesteht sie. Zuversichtlich vertraut sie jedoch ganz auf den Fortschritt der Zeit und konzentriert sich bis dahin darauf, weiter mit und an ihren Kunstwerken zu wachsen. Ihre „Fußspuren“ – die „footprints“ der Urban Explorer – hat sie 2014 bereits beim Förderpreis „Junge Kunst“ hinterlassen.